Im Äquilibris-Blog bin ich über diesen Eintrag bzw. Verweis
auf einen Zeitungsartikel zum Thema Pferd gestossen. Die Betrachtungen von
Marcel Hänggi vom Tages Anzeiger bringen ganz neue Aspekte in die
Gesamtbetrachtung Pferd:
Younger Bear: „Ich habe eine Frau und vier Pferde“. Little Big Man: „Ich habe ein Pferd und vier Frauen.“
Auf diese Weise wird der prototypische Indianer im Film „Little Big Man“ parodiert. Er reitet, führt Krieg, lebt nomadisch im Tipi, jagt, kennt steile Hierarchien, ist ein Macho und frönt der Vielweiberei. Das Klischee orientiert sich am historischen Vorbild der Prärieindianer (Sioux, Cheyenne usw. des 19. Jahrhunderts). Diese Kultur war das Resultat einer Energierevolution. Den Träger der Revolution, das Pferd, übernahmen die Indianer im 17. und 18. Jahrhundert von den weissen Siedlern.
Das Pferd ist ein Energiekonverter: Es wandelt niederwertige Energie in Form von Biomasse (Präriegras) in kinetische Energie (Bewegung) um, die der Jäger wiederum nutzt, um hochwertige Biomasse-Energie (Büffelfleisch) zu jagen. Neue und bessere Energienutzungen gelten landläufig als Inbegriff technischen Fortschritts. Und aus technischer Sicht war das Pferd beziehungsweise die Jagd hoch zu Ross ein enormer Fortschritt: Bis dahin war die Büffeljagd aufwendige Teamarbeit gewesen. Die Tiere, die schneller laufen können als Menschen, wurden eingekreist und beispielsweise über eine Felswand getrieben. Nun war der reitende Jäger schneller als seine Beute; ein einziger Jäger konnte auf einem Jagdzug bis zu fünf Büffel erlegen. .
Es war eine Energierevolution, wie sie sich heute viele erträumen: Sie nutzte eine erneuerbare Primärenergie, das Gras, und diese Nutzung stand zu nichts in Konkurrenz, weil die Weiten der Prärie von den Menschen bis dahin nicht genutzt worden waren. Selbst Büffel gab es ausreichend. Sie gerieten erst ernsthaft in Bedrängnis, als Weisse sie im 19. Jahrhundert in grossem Stil abzuschlachten begannen, nicht zuletzt, um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen.
Doch was machte das Pferd mit der Gesellschaft? Die Prärieindianer waren einst sesshafte Gartenbauern mit flachen Hierarchien, die friedlich am Rande der Prärie lebten. Man ernährte sich vor allem vegetarisch, jagte gelegentlich Kleintiere und ab und zu einen Büffel. Das Pferd setzte dem ein Ende. Es „veränderte das Ideal des Mannes: weg vom stoischen, geduldigen und geschickten Jäger, der mit dem Langbogen und zu Fuss jagte, hin zum tollkühnen Reiter der die Lanze schwingt, um seine Beute zu erlegen“ , schreibt der Soziologe Fred Cottrell in seinem Pionierwerk „Energy and Society“.
Nun konnte enormes Prestige anhäufen, wer das beste Pferd besass. Gemeinschaftsarbeit wurde unwichtig. Weil Jagen Männersache war, die Frauen aber Fleisch und Leder verarbeiteten und die Pferde betreuten, brauchte ein erfolgreicher Jäger mehrere Frauen. Pferde- und Frauenraub verschafften einem Mann Respekt, und mit dem Energieüberschuss, den das Pferd mit sich brachte, konnte man leichter Kriege führen (noch bevor die Ausrottungskriege der weissen Siedler gegen die Indianer begannen).
Eine neue (Kultur-)Technik, wie das Jagen mit dem Pferd, macht eine Gesellschaft nicht automatisch besser - und sei sie noch so “sauber“. Das ist so trivial dass man es kaum zu schreiben wagt: Und doch erstaunt, wie wenig in einer Zeit, da alle von Energie sprechen, in Betracht gezogen wird, dass eine Gesellschaft auch unter einem Zuviel an Energie leiden kann.
© Marcel Hänggi
Younger Bear: „Ich habe eine Frau und vier Pferde“. Little Big Man: „Ich habe ein Pferd und vier Frauen.“
Auf diese Weise wird der prototypische Indianer im Film „Little Big Man“ parodiert. Er reitet, führt Krieg, lebt nomadisch im Tipi, jagt, kennt steile Hierarchien, ist ein Macho und frönt der Vielweiberei. Das Klischee orientiert sich am historischen Vorbild der Prärieindianer (Sioux, Cheyenne usw. des 19. Jahrhunderts). Diese Kultur war das Resultat einer Energierevolution. Den Träger der Revolution, das Pferd, übernahmen die Indianer im 17. und 18. Jahrhundert von den weissen Siedlern.
Das Pferd ist ein Energiekonverter: Es wandelt niederwertige Energie in Form von Biomasse (Präriegras) in kinetische Energie (Bewegung) um, die der Jäger wiederum nutzt, um hochwertige Biomasse-Energie (Büffelfleisch) zu jagen. Neue und bessere Energienutzungen gelten landläufig als Inbegriff technischen Fortschritts. Und aus technischer Sicht war das Pferd beziehungsweise die Jagd hoch zu Ross ein enormer Fortschritt: Bis dahin war die Büffeljagd aufwendige Teamarbeit gewesen. Die Tiere, die schneller laufen können als Menschen, wurden eingekreist und beispielsweise über eine Felswand getrieben. Nun war der reitende Jäger schneller als seine Beute; ein einziger Jäger konnte auf einem Jagdzug bis zu fünf Büffel erlegen. .
Es war eine Energierevolution, wie sie sich heute viele erträumen: Sie nutzte eine erneuerbare Primärenergie, das Gras, und diese Nutzung stand zu nichts in Konkurrenz, weil die Weiten der Prärie von den Menschen bis dahin nicht genutzt worden waren. Selbst Büffel gab es ausreichend. Sie gerieten erst ernsthaft in Bedrängnis, als Weisse sie im 19. Jahrhundert in grossem Stil abzuschlachten begannen, nicht zuletzt, um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen.
Doch was machte das Pferd mit der Gesellschaft? Die Prärieindianer waren einst sesshafte Gartenbauern mit flachen Hierarchien, die friedlich am Rande der Prärie lebten. Man ernährte sich vor allem vegetarisch, jagte gelegentlich Kleintiere und ab und zu einen Büffel. Das Pferd setzte dem ein Ende. Es „veränderte das Ideal des Mannes: weg vom stoischen, geduldigen und geschickten Jäger, der mit dem Langbogen und zu Fuss jagte, hin zum tollkühnen Reiter der die Lanze schwingt, um seine Beute zu erlegen“ , schreibt der Soziologe Fred Cottrell in seinem Pionierwerk „Energy and Society“.
Nun konnte enormes Prestige anhäufen, wer das beste Pferd besass. Gemeinschaftsarbeit wurde unwichtig. Weil Jagen Männersache war, die Frauen aber Fleisch und Leder verarbeiteten und die Pferde betreuten, brauchte ein erfolgreicher Jäger mehrere Frauen. Pferde- und Frauenraub verschafften einem Mann Respekt, und mit dem Energieüberschuss, den das Pferd mit sich brachte, konnte man leichter Kriege führen (noch bevor die Ausrottungskriege der weissen Siedler gegen die Indianer begannen).
Eine neue (Kultur-)Technik, wie das Jagen mit dem Pferd, macht eine Gesellschaft nicht automatisch besser - und sei sie noch so “sauber“. Das ist so trivial dass man es kaum zu schreiben wagt: Und doch erstaunt, wie wenig in einer Zeit, da alle von Energie sprechen, in Betracht gezogen wird, dass eine Gesellschaft auch unter einem Zuviel an Energie leiden kann.
© Marcel Hänggi
Geändert hat sich in den letzten 200 Jahren offenbar wenig, auch
heute definiert Mann sich über Anzahl Pferde. Naja, ich habe wenigstens drei
Frauen zu Hause, das kompensiert doch einige Pferde.
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